Dienstag, 7. Oktober 2014

Spenden sammeln für Kampf gegen Ebola

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Spenden sammeln für Kampf gegen Ebola

„Stellen Sie sich vor, Unbekannte mit Astronautenanzügen und Masken vorm Gesicht kommen in Ihr Dorf. Sie nehmen Ihre Verwandten mit, die nicht zurückkehren...“ Dr. Morley Wright stammt aus dem westafrikanischen Sierra Leone, wo Ebola seit Monaten grassiert.

Martin Cramer (links) und Dr. Morley Wright präsentieren eine der 300 Schutzausrüstungen, die sie mit Hilfe von Spenden an ein Missionskrankenhaus im Süden Sierra Leones schicken.
© Matthias Schuldt

Kassel-Lohfelden. Es sei weniger Aberglaube, der das Misstrauen speziell von Menschen auf dem Land schüre. Sie haben schon Ärzte und Pflegekräfte angegriffen, im Nachbarstaat Guinea in einem Fall sogar getötet. „Die Leute glauben, dass ihre fortgebrachten Familienmitglieder ermordet werden, um an deren Organe zu gelangen“, schildert der Kinderarzt, der in Lohfelden lebt.
Von wegen Hirngespinste und Aberglaube. Organhandel zu Gunsten reicher Kranker aus westlichen Ländern ist in Indien Realität. Seit zehn Jahren berichten auch in Deutschland Medien wie Spiegel, Zeit, Focus oder Deutsche Welle über dieses Phänomen.
Um den Dorfbewohnern solche Ängste zu nehmen, hilft nur Information. Aufklärung, Vorbeugung, Quarantäne – das waren, sind und bleiben die wirksamsten Mittel im Kampf gegen Seuchen wie Ebola. Aufklärung läuft in Sierra Leone kaum, sagt Morley Wright, schon gar nicht  in ländlichen Regionen. Ohne eine solche gründliche Vorbereitung schlägt den Helfern in den Schutzanzügen Panik und Ablehnung entgegen.
Lesen und Schreiben beherrschen in den Dörfern wenige, was die Lage zusätzlich erschwert. Ausgerechnet von dort breitet sich aber Ebola aus, weshalb die Städter die Gefahr für sich selbst lange unterschätzten. Musiker produzieren Songs über die Seuche, um auch Analphabeten den richtigen Umgang mit der Gefahr näher zu bringen.
Eine weitere große Hürde gilt es bei der Aufklärung zu nehmen. Verstorbene werden von den Seuchentrupps anonym beerdigt, berichtet Dr. Wright. Das liefert der Bevölkerung einen Grund mehr, sich den Ebola-Bekämpfern zu entziehen oder sich ihnen entgegen zu stellen. „Es ist in Sierra Leone Tradition, verstorbene Familienmitglieder vor der Beerdigung mit eigenen Händen zu waschen“, erklärt der Mediziner. Bestatter im europäischen Sinn gibt es nicht.
Ein Fest für den Erreger, geht von Toten doch die höchste Infektionsgefahr aus. Darüber hinaus verbreitet sich das Virus über den Kontakt mit Patienten, bei denen die Krankheit ausgebrochen ist. Deren Körperflüssigkeiten nutzt der Erreger als Verkehrsmittel.
Fieber, Erbrechen, Durchfall zählen zu den Symptomen. Darauf hat Ebola kein Monopol. „Infektionskrankheiten gehören in Afrika zu den häufigsten Todesursachen“, sagt Morley Wright. Malaria, Lassa-Fieber, Grippe, Typhus und viele weitere Krankheiten lösen die gleichen Beschwerden aus. Zwei Tage dauert es, bis die Labore Ebola im Blut sicher festgestellt haben.
Der Kinderarzt berichtet von einem typischen Fall. Ein Kind wird mit den Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte fragen die Eltern, ob in der Familie oder Nachbarschaft Ebola-Erkrankungen bekannt sind. Nein, lautet die Antwort. Das Labor findet im Blut den Erreger der Malaria. „Zwei Tage später eilt die Tante ins Hospital und sagt, die Oma sei gestorben. Es war Ebola und eine zweite Laboruntersuchung ergibt beim Enkelkind dieselbe Diagnose, zusätzlich zu Malaria, schildert Wright.
Das zeigt, vor welcher Aufgabe die wenigen Krankenhäuser in Sierra Leone stehen. Jeder der 17 Verwaltungsdistrikte verfügt über ein einziges Regierungskrankenhaus, das in der Regel besetzt ist mit einem fertig ausgebildeten Arzt. Hinzu kommen Missionskrankenhäuser in der Provinz und Regierungskliniken in den Städten.
In Sierra Leone als einem der ärmsten Länder der Welt fehlen die Mittel, um das medizinische Personal ausreichend vor Ebola zu schützen. Einmalhandschuhe gelten als Mangelware, ganz zu schweigen von Anzügen oder Brillen. „Vier Ärzte und 61 Krankenschwestern und -pfleger sind bereits gestorben“, sagt Dr. Wright, dessen Bruder als Arzt in Sierra Leone einer Ebola-Sondereinheit der Regierung angehört. Einem Gesundheitssystem, in dem ein Mediziner auf 30 000 Einwohner entfällt, droht ein Aderlass bis hin zum Zusammenbruch, der Ebola weitere Türen weit öffnet.
Dr. Morley Wright sammelt in Deutschland Spendengelder für den Kauf von Schutzanzügen, obwohl ihm dabei nicht wohl ist. „Große Organisationen setzen viel Geld in Westafrika gegen Ebola ein, und jetzt greifen wir als kleine Organisation auch ein?“, fragt er sich zweifelnd. Er engagiert sich bei Bintumani, einem der Diakonie zugehörigen Verein, und bräuchte  Geld dringend für ein 2010 gestartetes Kinderchirurgie-Projekt in Sierra Leone. (Matthias Schuldt)
Mehr über den Kampf gegen Ebola und das Spendenprojekt für Bintumani lesen Sie in der WLZ-Ausgabe vom 7. Oktober.

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